Textbeispiele

 Johanna Beringer

 

 

      Nachruf auf einen Igel

 

Du bist noch klein, bald kommt der Winter

beeil dich, friss dich kugelrund

denk dran, es ist für Igelkinder

wenn sie zu dünn sind, ungesund.

 

Ich gab dir alle Tage Futter

dazu ein weichgekochtes Ei

für dich und deine Igelmutter.

Jetzt bist du tot, es ist vorbei.

 

Ein Auto hat dich überfahren

rasannt, dem Fahrer hats pressiert.

So flink wie deine Igelbeinchen waren

das Lied der Strasse hast du nicht kapiert.

 

 

Feuerwerk

 

Feuerwerk, Jahrtausendwende

Lichterglanz in schriller Nacht

Menschen jubeln, reichen Hände

tausend Jahre sind vollbracht.

 

Feuerwerk Jahrtausendwende

Kriegsgeschrei in stiller Nacht

Not und Elend und kein Ende

Menschenwerk hat dies vollbracht.

 

Feuerwerk Jahrtausendwende

Wünsche hallen durch die Nacht

dass die Welt doch Frieden fände.

Wünsche haben keine Macht.

 

 

 

WINTERFREUDE

 

Wenns draussn grad wachlt, wenn’s draussn stark schneibt,

der Wind fuchti dBlattln vom Baum abatreibt,

 

dann schau i net loadi und gnaunz mir ebbs vir,

i leg mi warm a und geh aussi vor dTür

 

schnauf ei de guat Luft und stapf fest durch an Schnee

hernach dann im Stübi beim Haferl Kaffee

 

hab i a weng Zeit für an Briaf oder sBuach

und gfrei mi, kimmt Oane zum ratschn auf Bsuach

 

I lus net auf dGrantler, i gunn mir a Freid

so is aa der Winter a recht schöne Zeit.

 

 

Wechsel-Wirkung

 

Ich hab den Amsel-Gruß vernommen

die erste zarte Melodie

der Frühling kündet, er will kommen

mit bunter Blumen-Phantasie.

 

Der ale Winter möchte bleiben

hält fest das Zepter in der Hand

lässt sich nicht drängen, nicht vertreiben

fegt stürmisch durch das weite Land.

 

Laut tönts im Busch, die Spatzen pfeifen

erwachend reckt sich die Natur.

Der Winter wills noch nicht begreifen.

Die warme Sonne lächelt nur.

 

 

SPRACHSTÖRUNG

 

Wenn wir

nicht miteinander reden

können wir

uns auch nichts sagen.

 

GEBURTSTAG

 

Zähle nicht die vielen Jahre

wirf sie in den Strom der Zeit

schenk die Gunst den frohen Stunden

Rast am Puls Vergänglichkeit.

 

 

 

Roman und Ben

 

Es wird Zeit, daß wir sie wieder besuchen, Roman und Ben, die unzertrennlichen

Freunde. Der Weg zu ihnen führt uns von Passau nach Bischofsreut durch die reizvolle Landschaft in Sumava zum Haus in Ceske Zleby, einstmals Böhmisch-Röhren genannt.

Wir sind den Beiden zum ersten Mal begegnet, als wir auf unserer Radltour im Böhmerwald am heißen Sommertag  vergeblich ein Wirtshaus suchten. Neben der ausgewaschenen Straße entdeckten wir auf dem Rasen vor einem alten Haus Tisch und zwei Bänke, aus Baumstämmen gezimmert. Ein schmächtiger junger Mann begrüßte uns im bayerischen Dialekt, sein Hund machte sich laut bellend bemerkbar. Natürlich bekamen wir Pivo und erst dann hatten wir Muße, die Landschaft zu bewundern, die sich auf diesem kleinen Fleckchen Erde vor uns bot, Berge, Täler, dunkle Wälder im Wechsel hin zum Horizont.

Auf dem Touristensteig wandern wir alle paar Monate hinüber nach Ceske Zleby. Bis zur Vertreibung hatten dort mehr als 3000 Menschen gewohnt, heute leben noch ca. 100 Personen im verlassenen Ort.

Deutsche Namen auf den verwitterten Grabsteinen im verfallenen alten Friedhof erinnern an die ehemaligen Bewohner.

Vorbei an Bruchsteinen, Überresten der Hausruinen, überwuchert von Sträuchern, im Sommer Brennesseln und Gras führt ein steiniger Weg. Uralte knorrige Obstbäume, verwittert und vom Wind zerzaust, säumen die holperige Straße, bis sie eines Tages unter der Schneelast fallen. Die Gesetze der Natur haben die ursprüngliche Landschaft zurück erobert. Der Blick ins weite Land, hinüber nach Bischofsreut gewährt dem Wanderer Ruhe und Besinnung.

Wenn wir uns dem Wohnsitz des jungen Mannes nähern, empfängt  uns das bekannte Gebell von Ben, dem struppigen Gesellen mit seinem kurzhaarigen graubraunen Fell, Nachkomme einer undefinierbaren Rasse. Die mitgebrachte Brotzeit und das Budweiser Bier schmecken. Roman, unser junger Freund, setzt sich zu uns. Zögernd erwähnte er eines Tages sein Schicksal,  Gehirntumor, Operation, Chemotherapie und im Alter von 20 Jahren Rentner.

Auf Anraten der Ärzte hatten seine Eltern für ihn in dieser abgelegenen Gegend das alte fast verfallene Haus vom früheren Besitzer gekauft. Seitdem ist dies sein Zuhause und Roman hat in vielen Jahren daraus ein Kleinod geschaffen, das uns bei jedem Besuch in Staunen versetzt.

 

Irgendwann schlich Ben um das Haus, ein Hund, der niemand gehörte. Er war verletzt und schlotterte in der winterlichen Kälte. Vor Hunger waren ihm fast alle Zähne ausgefallen. Mit viel Geduld in langen Monaten konnte Roman ihm beibringen, dass er jetzt zu ihm gehört und Ben dankte es ihm mit großer Liebe und Anhänglichkeit. Die Beiden blieben nicht allein. Nacheinander gesellten sich 6 Katzen zu ihnen, mit dabei ein schön rothaarig weiß gefleckter Kater, Wanderer aus dem 10 km entfernten Bischofsreut. Lucki sieht mit seiner braunen Schnauze eher dreckig aus, er besitzt nur noch einen einzigen Zahn, möchte ständig schmeicheln und ist immer hungrig.  Für Roman sind die Tiere sein Lebensinhalt.

In der Stille der einsamen Landschaft Ceske Zleby im Böhmerwald verbringen sie ihre Tage miteinander, Roman, Ben und die 6 Katzen.

 

JOHANNA BERINGER